Bericht zur EM in Haifa 2010

Meine Beine drehen schnell, immer schneller, doch ich komme nicht vom Fleck. Nervosität pocht in mir, das Herz hämmert in meiner Brust. Bald ist der Start zum Team Relais und ich bin mich auf der Rolle am Aufwärmen. Ein blöder Ausdruck, denn auch im klimatisierten Raum läuft mir der Schweiss über die Stirn und fällt in einzelnen Tropfen hinunter auf das Bike und weiter auf den Boden. Thomas Litscher (U-23) unser Startfahrer ist bereits von seiner Runde zurück und kann mit dem Führenden an Roger Walder (Junior) übergeben. Bald bin ich an der Reihe, jetzt wo endlich der Zeitpunkt da ist, bekomme ich etwas Angst vom Versagen. Alle erwarten eine schnelle Runde von mir und sind überzeugt, dass ich dies kann. Seit 2003 warte ich darauf einmal für das Team Relais aufgestellt zu werden, nun geht es nur noch ein paar Sekunden und Roger Walder wird mir mit seiner Hand auf den Rücken schlagen. Der Startschuss für mich. Die Schweiz ist in Führung und ich mache mich mit einem Sprint auf die 6,9km. Eva Lechner aus Italien hetzt hinter mir her, doch ich kämpfe und möchte allen beweisen, dass ich die richtige Wahl war. Ich finde einen guten Kompromiss von sehr schnell fahren aber nicht überdrehen und so komme ich fehlerfrei über die ganze Runde. Die Führung konnte ich nicht ganz halten, das heisst der israelische U-23 Fahrer holte mich kurz vor dem Ziel ein. Doch unsere Taktik wird aufgehen, denn unser Schlussfahrer Ralph Näf hat ein einfaches Spiel gegen die israelische Frau und die Italiener konnte ich um über 30 Sekunden distanzieren. Ralph Näf schilderte seine Situation wie folgt: „Ich musste nur noch den Penalty verwandeln, mein Team zeigte eine hervorragende Leistung, ich musste nur noch sauber zu ende fahren!“
Über eine viertel Stunde bangen und warten wir, immer in der Hoffnung jeden Moment das rot-weisse Trikot um die Kurve schiessen zu sehen. Viele Gedanken gehen einem durch den Kopf, hat er wohl einen Defekt, ist er gestürzt, wird es reichen? Alle Gedanken um sonst. Souverän biegt Ralph Näf in die Zielkurve ein und wird nach der Ziellinie von uns herzlichst empfangen.
Mein Traum von einer internationalen Medaille ist wahr geworden und jetzt ist es sogar die goldene gekrönt mit dem Europameister-Trikot!
Ich geniesse die Siegerehrung in vollen Zügen und hänge danach die Medaille und das Trikot im Zimmer neben dem Bett auf.
Die EM ist aber noch nicht vorbei. Das Team Relais war der Startschuss. Mit den Junioren und den U-23 erreichten die Schweizer schon 6 Medaillen.
Wir Frauen sind ein wenig die Sorgen-Kategorie. Lange ist es her, dass eine Elite Dame eine Medaille gewinnen konnte so lange, dass man sich nicht mehr daran erinnert. Wir sind mit 3 Elite Damen am Start und für einmal haben alle das Potential aufs Podest zu fahren.
Ich kann mich mit der Nummer 7 in der ersten Startreihe aufstellen. Die Sonne brennt bereits um neun Uhr unerbärmlich auf uns hinunter. Das Rennen muss man sich gut einteilen. Bei den anderen Rennen konnten wir beobachten, dass der spätere Sieger immer von hinten nach vorne gefahren ist und dass die Führenden oft am Schluss zu wenig Kraft hatten den Sieg nach Hause zu fahren.
Cool bleiben und Geduld bewahren war meine Devise. Ich startete sehr gut und Reihte mich nach wenigen Metern vorne ein. Nach der Startrunde kam ich gut positioniert den ersten Aufstieg und befand mich auf dem ersten Offroadweg hinter Eva Lechner auf dem zweiten Rang. Ich folgte ihr ohne meinen Puls gleich ganz nach oben zu peitschen. Ich fuhr mit etwas Reserve, einfach nicht überdrehen.
Zu meinem Erstaunen konnten wir zwei uns etwas absetzen, dahinter folgten Esther Süss und die Polin Maja Wloszczowska. Esther konnte bei der ersten Zieldurchfahrt zu uns aufschliessen, die Polin folgte mit wenigen Sekunden Rückstand. Es ging in die zweite Runde und eigentlich wollte ich ja gar nicht so weit vorne sein. Immer wieder geht mit der Gedanke „nicht überdrehen“ durch den Kopf. Aber ich fühlte mich gut und wenn ich ab und zu einen Blick auf meinen Pulsmesser machte, bemerkte ich, dass alles im grünen Bereich war. Auch nach der zweiten Runde kam ich als Führende zurück, im Schlepptau Esther Süss, Eva Lechner und die Polin, welche nun zu uns aufschliessen konnte. Langsam fing es an in den Beinen zu brennen wenn ein plötzlicher Tempowechsel einsetzte. Und so kam es, dass Esther und ich den Anschluss nach einer Attacke von Eva Lechner verloren. Einfach durchbeissen, ich kenne diese Durchhänger in der Mitte des Rennens, beissen, leiden und kämpfen sagte ich mir immer wieder. Ich hielt das Hinterrad von Süss, hatte aber keine Kraft sie vor der Abfahrt noch zu überholen. Wenn man körperlich so am Limit ist, kaum noch mit Atmen nachkommt, dann wird auch das Hinunterfahren nicht mehr zum flowigen Genuss. Ich versuchte mich trotzdem etwas zu erholen. Was macht Süss da, sie fährt etwas anders als ich erwartet habe. Ich komme ins Straucheln, war abgelenkt und schon blieb mein Vorderrad vor dem Absatz hängen. Ich rutschte, konnte mich nicht mehr auffangen und fiel über den Stein hinunter. Mein Bike hinterher und schlug heftig auf den Steinen auf. Nichts wie weiter, aber zuerst musste ich den Bidon wieder fassen. Genau trinken darf ich auch nicht vergessen und schon war ich wieder voll im Renngeschehen. Ich konnte nochmals aufdrehen und schloss zuerst zu Süss auf und kurz nach der letzten Zielpassierung auch wieder zum führenden Duo Wloszczowska und Lechner. Ich kam bereits mit einem hohen Rhythmus von hinten und konnte so gut mithalten. Neue Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, nur noch einmal hier hinauf, nur noch einmal jede Passage, das muss gehen. Einfach dran bleiben…und so hängte ich mich einfach hinten an und fuhr passiv mit Wloszczowska und Lechner mit. Rund drei Kilometer vor der Ziel bemerkte ich aber, wie Sabine Spitz die Olympiasiegerin mit grossem Zug von hinten heranbrauste. Der Gedanke, der Depp zu sein und vierte zu werden quälte mich so fest, dass ich nochmals alle Kräfte mobilisierte und attackierte. Eva Lechner musste zuerst reissen lassen und auch auf die Polin hatte ich einige Meter Vorsprung. Unglaublich, ich führte das EM-Feld kurz vor Ziel an. Doch ich musste etwas Tempo heraus nehmen. Ich wäre nicht fähig gewesen diesen hohen Rhythmus, welcher nur unter Extrembedingungen abgerufen werden kann, bis ins Ziel zu halten. Und so schloss die Polin wieder zu mir auf. Ich wusste, dass es jetzt eine sehr knappe
Entscheidung geben würde, doch ich war ja eigentlich schon mit einer Medaille sehr zufrieden. Plötzlich steht der Nationaltrainer am Streckenrand und spornt mich lautstark an. Er schreit mir zu: „Jetzt holst du dir das Trikot!“ und meinte damit den Sieg. Ich war etwas verdutzt und dachte nun sei man nicht einmal mehr mit einer Medaille zufrieden und kurz darauf drehten sich meine Gedanken und ich wusste, dass ich diese Chance packen muss. Wer weiss wie schnell so eine Möglichkeit wieder kommt! Zu meinem Erstaunen überholte mich Wloszczowska 1.5km vor dem Ziel und ich musste mir nicht mehr überlegen, wie ich in den Windschatten komme. Jetzt einfach ruhig bleiben und den richtigen Zeitpunkt für den Sprint erwischen. Ich wusste, dass ich auf dem Flachstück wohl keine Chance haben werde und wartete bis auf die letzten Meter bevor ich mich vorbei kämpfte. Die Betreuer und Zuschauer waren sich jedoch einig, wer zuerst auf die sehr kurze Zielgerade einbiegen wird, wird wohl gewinnen. Ich bewies das Gegenteil, ich kam als zweite aus der Kurve, konnte aber mehr Schwung mitnehmen und die Sensation war perfekt!!! Mit wenigen Zentimeter Vorsprung konnte ich den EM-Titel gewinnen, dies gelang bis jetzt noch keiner Schweizer Frau. Ich war sehr stolz nun endlich auch in der Sorgen-Kategorie die Siegesserie von uns Schweizern fortsetzen zu können!
Es ist für mich immer noch nicht ganz fassbar, aber die Trikots und die Medaillen liegen neben mir auf dem Tisch, ich kann sie anfassen, also muss es wohl doch wahr sein…
© katrinleumann.ch, 2010-07-12
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